HSV-Persönlich

Horst Becker: Curry-Wurst statt VIP-Schnittchen

HAMBURG. (oh) Wenn Bruno Labbadia und seine Jungs erfolgreich Fußball spielen, es im Stadion vor Begeisterung so laut ist, dass man kein Wort mehr versteht, dann ist es um den 69-Jährigen richtig leise. Er ist seit 56 Jahren Mitglied im HSV, kennt den Verein wie seine Westentasche und hat im Jahr mehr als 100 Termine – ehrenamtliche Termine, die er für den Verein wahrnimmt. Er ist so etwas wie Inventar beim Hamburger SV und kann sich dann entspannt dem geselligen Kartenspiel, der Planung für Reisen mit seinen Freunden nach Mallorca und der einen oder anderen Partie Golf widmen – Horst Becker, Aufsichtsrats-Vorsitzender des HSV. Nur wenn es bei Bruno Labbadia und seinen Jungs spielerisch in die Hose geht, irgendetwas im Verein nicht rund läuft oder eine Personalie für Aufsehen sorgt, dann wird es um den ehemaligen Banker ganz plötzlich richtig laut.

Wir treffen Horst Becker im Restaurant Raute, direkt im Stadion und prüfen den ehemaligen Kassenwart, Schatzmeister, Aufsichtsrats-Delegierten, Vize-Präsidenten und Präsidenten gleich zu Beginn, sozusagen im Vorübergehen, auf seine Kenntnisse der HSV-Geschichte. Fünf Fragen zum HSV, vier meistert er souverän, Frage 2 bereitet Probleme:

Welcher HSV-Präsident gewann mit dem Verein 1977 den Pokal der Pokalsieger? Paul Hauenschild, Dr. Peter Krohn oder Paul Benthien? Horst Becker macht sein Kreuz bei Krohn, korrigiert sich aber kurz darauf auf Paul Benthien, besser ist das.

Der passionierte Kartenspieler und Knobler liebt Spiele mit Zahlen. Kein Wunder, als ehemaliger Banker ist er schon von Hause aus auf alles was mit Zahlen und Nummern zu tun hat fixiert. Eine Leidenschaft, die ihm so manches Amt ganz ‘automatisch’ eingebracht hat.

“Ich mache grundsätzlich alle Kassen, die verwaltet werden, sei es bei meinen Golf-Freunden, früher beim Tennis oder auf Urlaubsfahrten”, so Becker. “Und wenn da mal einer auf die Idee kommt und fragt, warum das und das so ist, dann höre ich sofort damit auf. Dann kann es jemand anderes machen”, grinst der AR-Boss, der seit 2007 an der Spitze des Kontrollgremiums sitzt. Will wahrscheinlich aber keiner, da solche Kassenjobs meist nur unnötig Arbeit für den Einzelnen bedeuten.

Vielleicht auch ein Grund für die elf anderen Aufsichtsräte, den Vorsitz lieber in den Händen von Becker zu belassen. “In der extrem  kritischen Situation im Februar 2007 war ich als Stellvertreter nach dem Rücktritt von Udo Bandow gefordert den Aufsichtsratsvorsitz zu übernehmen. 2009 hatte ich so viele Stimmen der Mitglieder erhalten, dass sich wohl keiner getraut hat gegen mich anzutreten”, lacht Becker.

“Und 2010 gab es ja auch Kritik, der ich mich stellen musste. Ich habe kein Problem, wenn einer sagt, das gefällt mir nicht, aber es muss ehrlich sein und so war am Ende aber  klar, dass ich weiter Vorsitzender bleibe.”

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Seit 56 Jahren im HSV - Horst Becker

56 Jahre HSV hat Becker auf dem Buckel, davon fast 25 Jahre in gehobenen offiziellen Ämtern beim HSV -  Horst Becker Funktionär mit Leib und Seele? Nicht ganz, wie er ehrlich zugibt. “Es ist auch manchmal ein Nachteil. Ich bin so lange im Club und kenne alles. Ich mache mir bei manchen Dingen so viele Gedanken, die ein anderer vielleicht rigoroser machen würde. Ich versuche aber immer eine ausgeglichene Lösung zu finden. Das macht es sicher schwerer.”

Schwer waren für Becker auch die Zeiten zwischen 1984 und 1990 als Schatzmeister und Vizepräsident, in denen  man zwar 1987 den DFB-Pokal gewann, aber nach der Ära Zebec/Happel einfach schlecht aufgestellt war. Doch hinschmeißen kam für Becker nicht in Frage. Er biss sich durch, übernahm im Januar 1990 für rund 10 Monate das Amt des Präsidenten und könnte heute als AR-Vorsitzender  eigentlich Tschüss sagen und die Füße hochlegen. Kommt für Becker nicht in Frage.

„Es ist die Anerkennung von Freunden und Kollegen, sowie die Verantwortung gegenüber dem Verein, die mich weiter in diesem Amt antreibt“, verrät er.

Seine Kritiker wollen ihn lieber heute als morgen aus dem Amt jagen, fordern immer wieder seinen Rücktritt. Besonders heftig sind die Vorwürfe nach dem Abgang von Ex-Sportchef Dietmar Beiersdorfer geworden. „Solche Dinge nehme ich sehr ernst und das berührt mich auch.“ Die Diskussion auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sommer bezeichnet Becker allerdings als grenzwertig. Hier war nicht nur HSV-Boss Bernd Hoffmann (wurde die Demission Beiersdorfers hauptsächlich angelastet) zum Teil der blanke Hass entgegengebracht worden, auch der Aufsichtsrat, u.a. Horst Becker als AR-Boss und Leiter der Versammlung, musste sich härtesten Beschimpfungen aussetzen.

„Da fragst du dich manchmal schon, warum machst du das eigentlich.“

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Horst Becker am 17. Januar im CCH

Vor knapp drei Wochen gab es ein ähnliches Bild auf der Jahreshaupt-versammlung. Nach breiter Konfusion um die Nachfolge von Beiersdorfer, zogen die Angelegenheit Roman Grill/Oliver Kreuzer und verschiedene Interviews von Horst Becker in den Gazetten noch einmal Kreise. Hier soll Becker einen kleineren Aufsichtsrat vorgeschlagen und die Notwendigkeit eines Sportchefs als solches in Frage gestellt haben. „Ich gebe zu, ich bin sicher kein guter Taktiker und Stratege, aber in Sachen Beiersdorfer waren viele Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen. Nachdem er gegangen war, hatten alle ihre Arbeit so gut gemacht, dass man den Sportchef nicht vermisst habe. Das wurde so interpretiert, dass wir gar keinen Sportchef mehr bräuchten. Der kleinere Aufsichtsrat war nur ein Denkanstoß und nicht gegen die Kollegen gemünzt.

So wie das Interview dann kam, macht es Sinn, in Zukunft besser drüber nachzudenken“, erklärt der AR-Boss.

Einer guten Außendarstellung des Vereins ist die Angelegenheit „HSV sucht Sportchef“ bislang nicht wirklich dienlich gewesen. Das weiß auch Horst Becker:„Durch die Sportchef-Suche ist der Aufsichtsrat in den Fokus geraten, obwohl sich dieser eigentlich im Hintergrund halten soll. Das hat auch in den Medien eine Eigendynamik angenommen. Es ist natürlich immer leicht zu sagen, ja, ja Ihr habt versprochen bis Weihnachten ist er da, was auch unser Wunsch war. Aber hätten wir gesagt, wir präsentieren irgendwann einen Sportchef, dann wäre die Fragerei genauso gewesen.“

Fakt ist, der Neue ist noch nicht da und wird vermutlich noch etwas auf sich warten, denn so wie es aussieht hat sich der HSV in dieser Personalie die Messlatte selber sehr hoch gelegt.

“Er muss ja nicht nur sportliche Kompetenzen,  sondern auch das Netzwerk in Sachen Transfers besitzen. Wir brauchen jemanden, der die sportliche Philosophie des Vereins entwickelt und prägt. Und der dazu in dieses gut funktionierende Team passt.”

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HSV3000.de und Becker in der Raute

Sprich der Club und die Fans brauchen im Grunde nur etwas Geduld, gute Ergebnisse in der Liga und Ruhe. Ruhe, die sich Becker während der Spiele des HSV nur durch unstetes hin und her laufen und kulinarischen Spezialitäten verschaffen kann. „Ich habe früher auch mal unten gesessen, aber dabei bin ich immer so unruhig, daher stehe ich jetzt  oben in den Logen. Einen Sitzplatz habe ich nicht und am liebsten esse ich dann Curry-Wurst.“  Ganz schön ‘Down to Earth’ der HSV-Aufsichtsrats-Chef, der im Übrigen auch abseits von Fast-Food auf deftige Hausmannskost, wie Grünkohl und leckeren Fisch vertraut.

Apropos Fisch: Dann wünschen wir uns, dass der AR-Vorsitzende, trotz erschwerter Sportchef-Profilanforderungen möglichst bald einen fetten davon an der Angel hat. Kleiner Tipp Herr Becker, versuchen Sie es doch mal beim VDSF, dem Verband Deutscher Sportfischer e.V.