Nachgedacht!

Wahl 2011: Supporters entern Aufsichtsrat

Ein Kommentar von Oliver Hugel

Als sich vor gut zwei Jahren die Supporters-Club Fraktion, um Nordtribünen-Einpeitscher Johannes “Jojo” Liebnau, zur Wahl des neuen Aufsichtsrates stellte, fielen neben ihm sowohl Ingo Thiel, Anja Stäcker, als auch Manfred Ertel bei der Mitgliedschaft durch. “Fans” in den Aufsichtsrat? Undenkbar. Und so wurde auch der ehemalige HSV-Boss und Supporters-Sympathisant Jürgen Hunke gleich noch mit abgesägt. Das war 2009.

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24 Monate später hat sich das Blatt gewendet. Investorenmodell, falsche Spielertransfers, ausbleibende, zählbare Erfolge werden nicht nur am streitbaren Klub-Chef Bernd Hoffmann festgemacht, sondern auch am Aufsichtsrat, der sich bei der Suche nach einem Sportchef mehr als unglücklich anstellte. Räte-Boss Horst Becker trat als Oberkontrolleur zurück, Ian Karan wechselte in den Hamburger Senat und Sergej Barbarez hatte im Zuge des Sportchef-Disasters schon längst die Faxen dicke und das Handtuch geworfen.

Es wird eng für Bernd Hoffmann
All das hatte offenbar die gut 2800 Mitglieder auf der gestrigen Mitgliederversammlung auf den Plan gerufen, Ordnung in den Verein zu bringen. Und im Gegensatz zum Januar vor zwei Jahren rutschten gestern, neben dem unabhängigen Ex-Stadionsprecher und Schauspieler Marek Erhardt, alle Wunschkandidaten der “Fans” in den neuen Aufsichtsrat. Jürgen Hunke, Manfred Ertel und Uli Klüver gelten als Kritiker Hoffmanns. Alle drei und auch Björn Floberg (Deligierter der Supporters) dürften, so munkelt man, bei den anstehenden Vertragsverhandlungen des Vorstands kaum für den derzeitigen Präsidenten votieren. Hoffmann braucht acht von zwölf Stimmen, um weiter arbeiten zu dürfen – das wird verdammt eng für den Klub-Chef, der den HSV wirtschaftlich brillant im Griff hat.

Der Ausgang der Wahl und die möglichen Folgen für den Vorstand und den HSV wird an vielen Stellen mit Argwohn betrachtet. Klar, es war eine Denkzettel-Wahl und Bernd Hoffmann muss zittern, das ist Vereinspolitik. Aber sollte die größte Abteilung in einem Verein nicht auch das Recht haben, mehr als nur einen Vertreter, den Deligierten, im Aufsichtsrat sitzen zu haben? Ich denke ja. Zugegeben, vielleicht ist die Anzahl gestern um einen Rat zu hoch ausgefallen, da der Einfluss jetzt doch ein Stück weit zu groß ausfällt.

Der HSV wird nicht untergehen

Aber machen wir uns doch nichts vor und sehen das einfach mal ganz nüchtern. Natürlich hat Hoffmann sieben Trainer in seiner Amtszeit verschlissen, Armin Veh ist Nummer acht und wird, sofern kein Wunder geschieht, im Sommer abdanken. Doch auch alle anderen Präsidenten, Trainer, Sportchefs und Aufsichtsräte zuvor haben es seit 1987 nicht hinbekommen, Rahmenbedingungen für einen weiteren Titel zu schaffen – die Spieler auf dem Feld übrigens auch nicht und die müssen die Tore schiessen, nicht Hoffmann.

Mit der gestrigen Wahl könnte die Zeit von Hoffmann bald zuende sein, aber: Am Abend wurde lediglich ein Aufsichtsrat für einen Sportverein demokratisch neu besetzt, nicht mehr und nicht weniger. Was soll’s also, wenn es diese 12 nicht packen? Dann hat jedes Vereinsmitglied 2013 die Möglichkeit das zu korrigieren: mit oder ohne Hoffmann. Der HSV wird deshalb nicht untergehen und eine übermäßige “Flut” an Titelchancen wird damit erst recht nicht gestoppt.

Wenn man dieses Ergebnis den wirklich weitreichenden politischen Entscheidungen in unserem Land gegenüberstellt, dann erscheint diese Aufsichtsratswahl geradezu nebensächlich.